Ein Bild zum Nachdenken
Max Frisch- ein bekannter deutscher Schriftsteller formulierte einmal: Wir leben und sterben an unseren Bildern.
Mit diesen Satz wollte er verdeutlichen, wie viele Bilder wir Menschen in unseren Köpfen haben und das gerade diese Bilder unser Denken und Handeln bestimmen. Wir machen uns Bilder von bestimmten Menschengruppen, von vergangenen und künftigen Ereignissen, die wir mit eigenen Augen nicht sehen konnten oder noch nicht können. Sich – ein - Bildnis -machen gehört wohl zu unseren Menschsein. Problematisch wird es nur dann, wenn diese Bilder starr und unveränderlich sind, wenn wir sie nicht überdenken und hinterfragen.
Eine Möglichkeit, seine Bilder zu hinterfragen, bietet seit einigen Tagen eine Freskomalerei an der Garagenwand unseres Gemeindehofes. Daniela Waitzmann – Malerin aus Deutschland- bemalte unentgeltlich und mit viel Engagement anlässlich der Eröffnungsfeier des Kletterschiffes Korab diese Wand. Darauf abgebildet sind in Bezug auf die Noahgeschichte 6 Tierpaare und ein Lamm als Symbol für Jesus Christus.
Der erste Eindruck beim Anblick des Bildes mag vielleicht bei vielen so gewesen sein: Welche Tiere sind denn hier abgebildet? Hier sind ja gar keine hübsch anzusehenden Elefanten, keine niedlichen Katzen, keine kuscheligen Braunbären und keine weißen Tauben! Auch die langhalsigen Giraffen, bunte Papageie und wohlgeformte Pferde fehlen!
Denn das sind die Tiere, die zu unserem Bild von der Archegeschichte dazugehören. So sehen wir es in vielen Kinderbilderbüchern und so wird die Noahgeschichte kuschelig, niedlich und ideal. Ein Bild, das in unsern Köpfen ist.
Und nun konfrontiert uns die Malerin Daniela Waitzmann mit einem ganz anderen Bild der Noahgeschichte: zwei Schlangen, die für viele das Symbol der Sünde ist, zwei Grillen, bei dessen Anblick vielleicht einige an eine der sieben Plagen denken, zwei Salamander – Kriechtiere, vor deren Berührung wir uns ekeln…-
Ja, dieses Bild regt wirklich zum Nachdenken an!
Es will uns einladen, unsere Bilder zu hinterfragen. Es möchte uns nahe bringen, dass Gott für jede Tierart im rettenden Schiff einen Platz hatte. Gott liebt seine gesamte Schöpfung bedingungslos und schließt niemanden aus. Allen will er Rettung schenken. Und für diese Rettung steht das einzelne Lamm.
An Stelle der Tiere könnten auch Menschen stehen: nationale Minderheiten wie Roma, der ungepflegte Bettler, der Dieb, der grimmig blickende Nachbar… Welche Bilder bestimmen unser Denken und Handeln gegenüber diesen Menschen?
Denken wir noch einmal daran: Jede Tierart fand Schutz in der Arche. Auch unsere „Mensch gewordene Arche“ – Jesus Christus – ist für alle Menschen auf die Erde gekommen, um sie vor dem Tod zu retten und ihnen ewiges Leben zu schenken. Auch für die Menschen, die in unseren Köpfen hässlich oder unliebsam sind. Gottes Angebot dann anzunehmen, liegt an jedem persönlich.
Vielleicht wird das Bild zu einem Eckstein, genauso wie auch Jesus Christus zum Eckstein geworden ist. Und so wie Jesus Christus die Wahrheit ist, so drückt dieses Bild eine Wahrheit aus, die wir manchmal zu gern verschweigen oder uns daran stoßen. Wahrheit tut eben manchmal weh, aber sie bleibt ein von Gott gefordertes Gut.
Ich wünsche uns anregende Gespräche und Betrachtungen über dieses wertvolle Bild – mit den Kindern im Kindergarten und mit uns Erwachsenen.
Möge es uns an Gottes Gnade und Liebe zu seiner Schöpfung und Geschöpfen erinnern.
Anett Grüber–Hrcan.
|